Soldatenmesser Modell 1908 ohne Stempel

Knifefinder

Mitglied
Hallo Liebe Messerfreunde

Ich habe vor kurzem ein Soldatenmesser gefunden.

https://imgur.com/a/3u1flzX

Die Suche im Netz ergab, dass es sich dabei um ein Soldatenmesser Modell 1908 handelt.

Das Messer hat allerdings keinen Stempel auf der Klinge wie üblich für dieses Modell.
Es hat auch keinerlei andere Identifikations Merkmale wie Zahlen oder Buchstaben.

Das Messer ist zusammengeklappt 100mm lang mit Klinge 175mm.


Wie alt könnte dieses Messer sein und von welchem Hersteller wurde es angefertigt?
Wurde die Klinge vielleicht ersetzt?
Oder ist das gar eine nachahmung eines anderen herstellers?

Ich hoffe Ihr könnt mir bei der Identifizierung helfen.
 

daenou

Mitglied
Diese Art von Messer wurde bis 1951 produziert und an jeden schweizer Rekruten als Teil seiner persönlichen Ausrüstung abgegeben. Während der Dienstzeit musste da Meser jederzeit vorgewiesen werden können, das heisst bei Verlust musste der Soldat auf eigene Kosten ein Ersatzmesser beschaffen.

Jedes Messer, das von einem Zeughaus abgegeben wurde, hatte ein kleines rundes schweizer Wappen in den Griff eingeprägt und die Klinge war mit der Jahreszahl seiner Produktion versehen. Messer, die im Dienst kaputt gingen wurden vom Zeughaus repariert, dabei wurde ein zweites Wappen in den Griff gehauen.

Diese Messer waren aber auch in der Zivilbevölkerung sehr beliebt und wurden massenweise gekauft. Dein Messer ist so eine zivile Version, ansonsten dürfte es identisch sein mit der Militärversion, nur eben ohne Wappen und Jahreszahl.

Bis zum Jahr 1951 waren die Klingen aus Karbonstahl (rostend) und hatten die Form, die auch Deines hat. Das Modell, das dann von 1951 bis 1961 abgegeben wurde, hatte eine rostfeie Klinge in der gleichen Form, welche die schweizer Taschenmesser noch heute aufweisen (symmetrisch, Mittelspitze).
 

Knifefinder

Mitglied
Wow vielen lieben Dank für die schnelle Antwort.

Das es sich bei diesem Exemplar um ein Ziviles Messer handelt ist sehr intressant ich habe nämlich auch nach langwieriger Google Suche kein Messer dieses Modells ohne Stempel finden können.

Wahrscheinlich ein Zeichen das nicht so viele an die Zivile Bevölkerung giengen im Vergleich zur Armee Version und es eher selten ist.
Ich hatte schon die Vermutung, dass es sich um eine Fälschung handelt.
 

daenou

Mitglied
Nein, eine 'Fälschung' ist das ganz sicher nicht. So etwas lohnt sich nicht zu fälschen, dafür ist der Handelspreis nicht hoch genug. Dass kaum zivile Versionen auf den üblichen Plattformen angeboten werden hat zwei Gründe:

- Solche Messer werden eher von Militaria-Liebhabern gesammelt, diese sind nicht an den zivilen Versionen interessiert
- Solche Messer werden vowiegend von Schweizern gesammelt und deshalb auch eher auf den kleineren, lokalen Plattformen (Ricardo, Tutti, Anibis etc.) angeboten und nicht in der Bucht

Übrigens gab es von jedem Armeemodell auch eine zivile Version und das ist heute auch nicht anders. Auch das Soldatenmesser 08 kannst Du in der Schweiz beim Baumarkt um die Ecke kaufen und auch dieses hat dann keine Jahreszahl auf der Klinge und ist deshalb die zivile Version.
 

daenou

Mitglied
Ich habe mich noch ein bisschen weiter umgeschaut. Die meisten 'zivilen' Messer aus dieser Zeit tragen das kleine runde Wappen auf dem Griff eingeprägt und haben auf der Klingenwurzel anstelle einer Jahreszahl ein 'P' eingeprägt. Das dürften die 'echten', innerhalb der Schweiz verkauften 'privaten' Messer sein. Ob man die beim Eisenwarenhändler kaufen konnte oder dafür ins Zeughaus musste habe ich nicht herausgefunden.
Alle diese Messer haben auf der anderen Seite der Klingenwurzel den Hersteller eingraviert, das kann 'Wenger' sein (in Produzent aus dem schweizer Jura) oder - je nach Jahr - 'Victoria', 'Elsener' (heute Victorinox aus der Innerschweiz, bzw. ab 1951 'Victorinox' bzw. 'Wengerinox' oder 'Wenger'.

Nun habe ich auch solche Messer gefunden ohne Wappen, dafür mit 'Solingen' auf der Klingenwurzel. Oder eben Deines ganz ohne Aufschrift. Das dürften Messer sein, die für den Export bestimmt waren. Ich glaube nicht, dass es 'Fälschungen' waren im Sinne von unauthorisierten Nachbauten. Vermutlich wurden diese im Auftrag eines Händlers im Ausland von Wenger oder Elsener/Victoria produziert und dann exportiert. 'Solingen' hatte einen guten Ruf vor allem in Asien und Afrika, dort dürfte der Ruhm des 'SAK' um diese Zeit noch nicht verbreitet gewesen sein. Deshalb das 'Solingen' auf der Klinge, als Werbung, nicht als Herkunftsbezeichnung.

In den Jahren nach dem WW II wurden die SAK bei den amerikanischen Besatzungssoldaten sehr beliebt, der Begriff 'Swiss Army Knife' oder eben SAK wurde von diesen Soldaten 'erfunden'. Und wo waren die meisten solcher Soldaten und damit der Bedarf an solchen Messern am grössten? Also konnten die beiden Hersteller solche Messer massenweise nach Deutschland und Österreich liefern. Das waren zwei Kategorien von Taschenmessern:

- 'Offiziersmesser' in allen Farben und Grössen, aber meist mit einem Zapfenzieher als Merkmal (Offiziere trinken nicht Wasser oder Bier, sondern Wein!)
- Das 'originale' schweizer Soldatenmesser, aber eben ohne die geschützen Merkmale Wappen auf dem Griff und Stempel auf der Klingenwurzel. Der Händler konnte dann die Klinge nach seinen eigenen Bedürfnissen gravieren oder eben blank lassen.

Der Bedarf an 'Offiziersmessern' war viel grösser als nach dem 'Original', trotzdem dürften es zehntausende von solchen Exemplaren gewesen sein, die damals verkauft wurden. Die meisten davon werden heute in amerikanischen Estrichen vor sich hinrosten oder schon lange entsorgt worden sein.

Nochmals zum Thema 'Fälschungen': diese wären ja eher näher am Original, hätten also zumindest das Wappen auf dem Griff und einen schweizer Herstellernamen auf der Klinge. Ausserdem müssen Fälschungen billiger sein als das Original. Deshalb sind Fälschungen meistens qualitativ schlechter als das aus Massenproduktion stammende Original. Wenn die Klingen Deines Messers satt, aber ohne zu klemmen auf- und zu-gehen, dann ist es eher ein 'Original' im Sinne von 'in der Schweiz von einem der beiden Herstellern produziert'.
 

Knifefinder

Mitglied
Echt unglaublich wieviel geschichte hinter diesen Messern steckt.
Das Messer hat überhaupt keine Stempel oder Buchstaben etc. daher ist es sicherlich wie ein für den Privatbürger Produziertes Exemplar oder wie du gesagt hast sogar für den Export oder ähnliches.
Das ist sehr Intressant da ich das Messer in einer Kiste zusammen mit anderen Schweizer Armee Gegenständen gefunden habe (Abzeichen, Gamelle etc.) Daher schon komisch dass es nicht ein Armeemesser im eigentliches Sinne ist.

Das Messer ist meiner Meinung nach sehr gut verarbeitet es hat kein Spiel und geht gut auf und zu deswegen habe ich nicht wirklich Zweifel, dass es von einem der Original Herstellern kommt.
 

hwa63

Mitglied
Hallo zusammen

zu der Fragestellung kann ich noch ein paar weitere Informationen beitragen.

Das Soldatenmesser Modell 1908 wurde bis und mit 1950 hergestellt und nicht bis 1951.

Weiter ist bis heute bekannt, dass in der Zeit von 1908 bis 1950 knapp 20 Hersteller aus der Schweiz und knapp 20 Hersteller aus Deutschland das Schweizer Soldatenmesser Modell 1908 hergestellt haben. Die Hersteller aus Deutschland teilweise waren teilweise Lieferanten für die Schweizer Armee, wie Wester + Co. und D. Peres. Weitere könnten ebenfalls legal hergestellt haben. All die anderen nahmen das "Design" einfach auf und haben das gemacht was sie am besten konnten, nämlich Messer herstellen. Ich bin bereits seit einigen Jahren in dem Thema und mit meinen knapp 400 Messern bin ich immer noch nicht ein eine grosse Leuchte. Aber ich bin im engen persönlichen, freundschaftlichen, Kontakt mit 2-3 der grössten Sammlern in der Schweiz. Da reden wir von Sammlungen mit Mengen im 4-stelligen Bereich der Anzahl Messer und teilweise über 70 Jahren Sammlertätigkeit.

Jetzt muss man wissen, dass jeder CH-Soldat regelmässig seine Ausrüstung zur Kontrolle verweisen musste. Wenn er keinen Dienst getan hatte in einem Jahr, dann musste er 1x jährlich ausserdienstlich an eine Inspektion. Seine Ausrüstung wurde da auf Vollständigkeit, Sauberkeit und Defekte kontrolliert. Wenn der Wehrmann im WK (Wiederholungskurs 3 Wochen Dauer) war, dann wurde seine Ausrüstung ebenfalls während dem WK mehrmals kontrolliert. Weil nun, wie bereits aufgeführt im Forum hier, diese Messer noch nicht aus nichtrostendem/rostfreiem Stahl hergestellt wurden, ergab es sich dass das Messer jederzeit sauber und ohne Rost sein musste. Da kamen dann viele der geplagten Soldaten auf die Idee sich ein 2. Messer selber zu kaufen und eines der Messer als "Inspektions-Messer" stets sauber und wohlverwahrt aufzubewahren. So konnten sie jederzeit und überall ein perfekt sauberes Messer vorweisen. Habe ich in meiner Zeit von 1984-2005 ebenfalls so gemacht.

Deshalb kann es durchaus sein, dass das ein ganz normales M1908 Messer ist. Normal heisst dabei, es entspricht dem M1908 vollständig und ist auch qualitativ gut hergestellt. Es ist einfach kein offizielles Messer, welches an die Schweizer Armee geliefert wurde. Es ist weiter kein Messer, welches von einem bekannten Hersteller hergestellt wurde, oder er hat es nicht gezeichnet. Ob es sich dabei jetzt um eine Fälschung oder Kopie handelt, diese Frage muss jeder für sich selber beantworten. Für die einen ist es eine Fälschung, für andere eine Kopie. Solange rechtlich keine Linie gezogen werden kann, weil es auf diesen Messer-Typen keinen Patentschutz gab/gibt sehe ich diese Messer als gute, fachlich in manchen Fällen qualitativ ebenbürtige, Nachbauten an.
 

Elsinox

Mitglied
Meiner Meinung nach ist es kein original Armeemesser, sondern eine Nachahmung, wohl aus Solingen. Gibt es noch Fotos mit geöffneten Werkzeugen? Ich denke, dass der Büchsenöffer nur einseitig angeschliffen ist, und somit weit vom Original abweicht.