Schönes altes multifunktionales Taschenmesser

torel

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Möchte ein wunderbares antikes Taschenmesser vorstellen mit Schalen aus Perlmutt:

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Die Qualität des Taschenmessers ist hervorragend, die Federstärke gut eingestellt. Teilweise ist trotz der Korrosion das originale Finish erkennbar, eine Spiegelpolitur.

Kennt jemand die Bildmarke?

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Scheint einen Pilz darzustellen, mit zwei gekreuzten Buchstaben.

Das Taschenmesser verfügt über eine Vielzahl von Funktionen, z.B. Schere, deren Feder leider (wie häufig anzutrefffen) gebrochen ist:

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Korkenzieher:

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Nagelfeile:

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Messer von oben. Die Nagelfeile läuft auf zwei Federn:

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Interessant ist die Art des Nagelhaus an der kleinen Klinge, der in einen kleinen Buckel eingebracht ist:

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Im geschlossenen Zustand erleichtert diese Form das Öffnen der kleinen Klinge:

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Was mir nicht ganz klar ist, ist die Funktion der gekrümmten Klinge an diesem eher feinen Alltagsmesser:

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Klingen dieser Art finden ja eher Anwendung im Bereich Baumpflege und Handwerk. Eine passendere Funktion nach Art des Taschenmesser und ungefähre zeitliche Einordnung wäre ein Champagner-Haken zum Öffnen des Drahtverschlusses bei Champagner-Flaschen. Allerdings sind Champagner-Haken normalerweise anders (derber) geschliffen und sehen so wie hier aus:

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Die Klinge des vorliegenden Messers hat jedoch einen ganz normalen Flachschliff und ist so dünn ausgeschliffen wie auch die anderen Klingen.

Jemand eine Idee, welchem Zweck die gekrümmte Klinge gedient haben könnte?

In den Perlmuttgriff eingelassen sind noch Pinzette und Zahnstocher:

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Die Pinzette ist am Ende noch zu einem Löffelchen ausgebildet für Pülverchen oder weiß der Geier.

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Und noch eine Draufsicht. Wie man sieht, ist die kleine Klinge gegenüber der gekrümmten Klinge abgebrochen:

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Blackbull_2

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Tipp 1: Könnte das vielleicht eine Klinge sein, mit der man die Alufolie oben auf Weinflaschen aufschneidet, ähnlich der Klinge an Sommeliersmessern?

Tipp 2: Ich habe so eine Klinge schonmal an einem alten SAK gesehen, das einem alten Kollegen gehört hat, der schon ewig in Rente war. Der hat behauptet, dass diese Klingenform gut geeignet sei, um Projektile aus Schusskanälen zu operieren. Ich halte das aber für eher unwahrscheinlich.

Grüße,

Black
 

torel

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Danke blackfox:super: Interessante Seite:super:

Ein baugleiches Modell mit anderer Beschalung findet sich auf dieser Katalogseite (links oben):

http://www.nixdorf2.estranky.cz/fotoalbum/julius-pilz/julius-pilz-sohne/katalog_pilz9.jpg.html

Ich freue mich, dass ich mal was aus Nixdorf erwischt habe. Heute fast in Vergessenheit geraten, dass die so schöne Sachen gemacht haben.

Und jetzt weiß ich auch, dass die Pinzette auch ein "Ohrenlöffel" ist. Damit kann kein Schweizer aufwarten ; )
 

cut

Premium Mitglied
Glückwunsch, torel, zu solch einem edlen Taschenmesser,
das sowohl aus handwerklicher Sicht als auch wegen der Historie des Herstellers äußerst interessant ist - Ergänzung folgt bei Interesse.
Vielteilige „De Luxe“ Taschenmesser gab es von herausragenden Herstellern überwiegend mit Griffschalen aus Perlmutt oder aus Schildpatt.
Der „vorgesehene Verwendungszweck“ der „gekrümmten Klinge“ lässt sich wohl nicht mehr exakt ermitteln, da die einschlägigen Musterbücher der Hersteller keine Aussage dazu machen. Ich halte trotz der „üblicherweise“ und von dir zu recht erwähnten abweichenden Ausführung des „Champagner-Hakens“ die identische Funktion für naheliegend: vergleichbare edle Taschenmesser auch anderer Hersteller aus Böhmen kennen ebenfalls keine („Solinger ?“) Champagner-Haken sondern unterschiedlichst gekrümmte Klingen, und der von dir beschriebene „Drahtverschluß“ an Champagnerflaschen war damals offenbar ein simples „verknotetes Band“ - wie es auch heute noch bei einigen Anbietern von Prosecco verwendet wird. Probier es doch mal an einem solchen Bandverschluß aus!
Die von blackbull_2 erwähnte „Alufolie“ gab es damals übrigens auch noch nicht.

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... und den "kleinen Buckel" als speziell ausgeformten Nagelhau findest du in unterschiedlichsten Ausführungen häufig bei kleinen Funktionsteilen vielteiliger Taschenmesser - er ist oft die einzige Möglichkeit, diese Vielzahl von Klingen/Instrumenten oft 20 Stück oder mehr) so zu montieren, dass sie noch problemlos geöffnet werden können.

Grüße
cut
 
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Hallo,
mein Glückwunsch & Neid zu diesem erstklassigen Messer!
Weisst Du wie alt dieses Messer ist?

Bekommt dieses Messer seinen Platz in der Vitrine oder darf es auch mal gelegendlich in die Jacket-Tasche :) ?

Gruss
surfer
 

torel

Mitglied
das sowohl aus handwerklicher Sicht als auch wegen der Historie des Herstellers äußerst interessant ist - Ergänzung folgt bei Interesse.

Sehr gerne. Generell sind, finde ich, die Informationen über die böhmische Taschenmesserindustrie recht spärlich. Ein etwas längerer Beitrag ist in Krause/Putsch "Schneidwarenindustrie in Europa" vorhanden. Für weitere Informationen und/oder Literaturhinweise wäre ich dankbar.

an Champagnerflaschen war damals offenbar ein simples „verknotetes Band“ - wie es auch heute noch bei einigen Anbietern von Prosecco verwendet wird. Probier es doch mal an einem solchen Bandverschluß aus!

Bin zwar kein Prosecco-Trinker, aber bereit, für die Wissenschaft Opfer zu bringen; ). Ich probiere es bei Gelegenheit aus.

Was mir zu denken gegeben hat, ist die Erwähnung einer "kleinen Gartenklinge" in einem Musterbuch in der von blackfox verlinkten Seite. Ich halte es nicht für völlig ausgeschlossen, dass sie diesen Zweck gehabt haben könnte. Gartenarbeit als Hobby für die (eher betuchten) früheren Träger solcher Messer dürfte nichts Ungewöhnliches gewesen sein. Mit einem Perlmutt-Taschenmesser in den Garten zu gehen kann ich mir aber auch nicht recht vorstellen.

... und den "kleinen Buckel" als speziell ausgeformten Nagelhau findest du in unterschiedlichsten Ausführungen häufig bei kleinen Funktionsteilen vielteiliger Taschenmesser

Ich kannte dieses Merkmal bisher nicht. Ist es vielleicht eine Spezialität der böhmischen Taschenmesser-Hersteller gewesen?

Weisst Du wie alt dieses Messer ist?

Rein vom Gefühl her würde ich auf die Zeit vor dem 1. WK tippen, habe aber keine Belege dafür. In dem Katalog von Julius Pilz, der auf der von blackfox verlinkten Siete zu finden ist, ist ein baugleiches Modell abgebildet, allerdings ohne Perlmutt-Schalen. Der Katalog stammt bereits aus der Zeit der Tschechischen Republik (1918 - 1938).

Bekommt dieses Messer seinen Platz in der Vitrine oder darf es auch mal gelegendlich in die Jacket-Tasche :) ?

Ich trage und benutze auch einige meiner antiken Taschenmesser (gehe natürlich damit pfleglichst um). Allerdings würde ich es nicht bei einem so seltenen Exemplar tun, noch dazu mit Perlmuttschalen, die aufgrund der Sprödigkeit bruchanfällig sind.
 

cut

Premium Mitglied
Nagelhieb

… Ich kannte dieses Merkmal bisher nicht. Ist es vielleicht eine Spezialität der böhmischen Taschenmesser-Hersteller gewesen? …

Das „Merkmal von erhöhtem Nagelhieb“ war sicherlich keine Besonderheit von Herstellern aus Böhmen, sondern wurde auch von anderen deutschen Herstellern angewendet, um vielteilige Taschenmesserklingen auf praktischste Art anwenden zu können.

Hier einige Bespiele:
Joseph Feist OMEGA, Solingen, J.A. Henckels ZWILLINGSWERK, Solingen und Dittert & Co., Neustadt/Sachsen:

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OMEGA.jpg


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Grüße
cut
 

cut

Premium Mitglied
Böhmen

... Generell sind, finde ich, die Informationen über die böhmische Taschenmesserindustrie recht spärlich. Ein etwas längerer Beitrag ist in Krause/Putsch "Schneidwarenindustrie in Europa" vorhanden. Für weitere Informationen und/oder Literaturhinweise wäre ich dankbar. ... .

Mit Literaturhinweisen kann ich leider nicht weiterhelfen, ich erinnere mich nur an einen Bericht in einer US-Messerzeitschrift (vermutlich Knife World), der auf dre Übersetzung einer tschechischen Veröffentlichung (wohl von MIKOV) basierte.

Julius Pilz Söhne (1885-1945) in Nixdorf war eine von 10 Messerfabriken, die neben kleineren handwerklichen Betrieben Schneidwaren in Nordböhmen gefertigt hat.
PilzShneJuliusNixdorfWBMPilzmitJP.jpg


1794 gründete Jgnaz Rösler unter seinem Namen die erste Messerschmiede im Böhmischen Niederland, nahe der Grenze zu Sachsen und nur etwa 50 km von Dresden entfernt. Als Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie waren die Messerhersteller im Schluckenauer Zipfel mit der Ursprungsmarkierung „AUSTRIA“ auf ihren Schneidwaren weltweit erfolgreiche Exporteure. Vielteilige Taschenmesser waren eine besondere Spezialität der böhmischen Messerfabriken, Importeure aus England und den USA wichtige Abnehmer.

Nach dem Zerfall Österreich-Ungarns als Folge des Ersten Weltkriegs wurde die Region 1918 Teil der neu entstandenen Tschechoslowakei und 1938 durch das Münchner Abkommen als überwiegend deutschsprachiges „Sudetenland“ dem Deutschen Reich zugesprochen.
Den Zweiten Weltkrieg überstand als einziger böhmischer Messerhersteller die Firma Jgnaz Rösler Söhne. Die politische Neugliederung Europas nach dem Krieg führte zur Bildung der Tschechoslowakischen Republik mit einer Grenzziehung wie vor dem Münchner Abkommen:
Böhmen wurde erneut tschechisch. Durch unverzügliche Enteignung und Vertreibung der deutschen Bevölkerung wurden die verbliebenen Firmen verstaatlicht und die Betriebsmittel bei Jgnaz Rösler Söhne konzentriert. Es erfolgte eine Umbenennung des Ortes Nixdorf in Mikulášovice.
„Viele Werkhallen haben schon bessere Zeiten gesehen“, schreibt die Sächsische Zeitung vor einem Jahr über die heute unter Mikov firmierende Messerfabrik: „Zwar stehen noch die alten Gebäude, doch an der Toreinfahrt grüßt ein roter Stern. Auch in vielen Teilen der Fabrik sieht es noch aus wie im Sozialismus … Immerhin konnte sich Mikov vor ein paar Jahren die Namensrechte der … Firma „Messer Adler“ sichern.“ Diese war nach Kriegsende in der DDR als Genossenschaft Messerschmiede Leegebruch von vertriebenen Mitarbeitern der böhmischen Messerfirmen im gleichnamigen Ort in Brandenburg aufgebaut, später verstaatlicht und nach dem Fall der Mauer reprivatisiert worden.

Grüße
cut
 

torel

Mitglied
@cut
Danke für den Abriss.

Ich habe in einem Katalog der Firma Wilhelm Weltersbach Mehrzwecktaschenmesser mit einer gekrümmten "Rosenklinge" zum Schneiden von Rosen gefunden und tendiere dahin, dass die gekrümmte Klinge beim Messer von Julius Pilz ebenfalls diese oder eine ähnliche Funktion hatte.

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chamenos

Super Moderator
Was mir zu denken gegeben hat, ist die Erwähnung einer "kleinen Gartenklinge" in einem Musterbuch in der von blackfox verlinkten Seite. ................ Mit einem Perlmutt-Taschenmesser in den Garten zu gehen kann ich mir aber auch nicht recht vorstellen.

Ich habe in einem Katalog der Firma Wilhelm Weltersbach Mehrzwecktaschenmesser mit einer gekrümmten "Rosenklinge" zum Schneiden von Rosen gefunden und tendiere dahin, dass die gekrümmte Klinge beim Messer von Julius Pilz ebenfalls diese oder eine ähnliche Funktion hatte.

Moin

Sicherlich ging man nicht mit so einem Messer in den Garten um die Büsche zu schneiden.
Es handelt sich ja bei allen hier gezeigten Messern mehr oder weniger um edle Herrentaschenmesser.

Nun war es aber seinerzeit durchaus üblich sich eine Blume ins Knopfloch zu stecken...... und ob nun Rose oder Nelke, - die Blume musste doch für diesen Zweck zurechtgestutz und von Blättern und Dornen befreit werden.

Mal so als Gedankenansatz.

Als Anekdote:
Mir wurde über meinen Urgroßvater berichtet, dass er sich jeden Tag eine rote Nelke ins Knopfloch steckte. Wenn sie im Garten blühten, dann holte er sich eine eigene und wenn da keine blühte, dann kaufte er sich halt eine auf dem Weg in die Hutschachtelfabrik (seine:D) bei der Blumenfrau.

Gruß
chamenos
 

JostS

Mitglied
... ich phantasiere jetzt mal:
vielleicht haben sich die Herren damit eine Portion Kautabak abgeschnitten?
Vom Priem über dem Daumen hinter die Zähne ...
könnte mit einer feinen Klinge in der Form gut funktionieren,
ist aber in Vergessenheit geraten, weil das niemand mehr praktiziert ;)
Herzliche Grüße aus Stuttgart,
Jost