Maßanzug aus ungeeignetem Material...

luftauge

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Da von mir gestern zu Pick-Up's thread mangelndes Feedback zu Anleitungen beklagt wurde, will ich jetzt mal eine Rückmeldung auf bereits "abgehandelte" eigene Fragen geben ;)
Es geht im Zusammenhang um folgende threads:

1. Welche Art von Gürtelschlaufe
2. Frage an die Lederexperten - hart und spröde

Ich will hoffen, dass die Fotomontage funzt, und alles erkennbar ist, worauf es mir ankommt, Erklärungen zu meinem Vorgehen gebe ich soweit möglich und erwünscht (ist meine erste "schwere" Lederscheide).
Das Messer ist der bereits bekannte CPM-Versuchsträger, den ich jetzt endlich schärfen kann.
Ich werde dabei auch die Fehler ansprechen, die ich selbst erkannt habe, und noch gerade eben ausbügeln konnte, mal sehen, ob Fehler erkannt werden (ob meine Schummelei gelungen ist :D )

Das Leder ist verschieden alt (ca. 40 -50 Jahre und ca. 20 - 30 Jahre), wohl unterschiedlich behandelt ("gebrannt" und ungebrannt) und für unterschiedliche Zwecke gedacht gewesen (Absätze und wohl auch Oberleder, evtl. Reitsättel), das weis ich jetzt, nachdem ich zwei berufserfahrene Meister konsultiert habe, der eine ca. 60 Jahre, und der andere ca. 20 Jahre im Schuhmacherhandwerk aktiv.

Gruß Andreas
 
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luftauge

Mitglied
Bildbeschreibung:
links oben die 5 Lagen entsprechend Guenters Anleitung, ich habe mich bis zuletzt geweigert, es so zu machen, aber es ging wirklich nur so :D ,
daneben das Reinigungsloch von der Rückseite, genau die Spitze der Klinge freigelegt (die Scheide ist wirklich passgenau, so musste dort ein "Ablauf" rein,
rechts unten ist der Keder zu sehen, ist eine geschlitzte Zwischenlage, die die Schneide führt, soll die Naht vor der Schneide schützen.

Die Lederscheide ist geölt, von Hand ohne Nähborsten oder Nadel
komplett trocken genäht, nur mit einem gespitzten Faden, den ich mit flüssig Möbelwachs von Clou regelmässig wieder gewachst und nachgezwirbelt habe, die Löcher sind von der Spitze ausgehend mit einem 1mm Bohrer vorgebohrt, und zum Nähen mit einer popeligen Bastelahle aufgeweitet.

Die Nahtlöcher sind mit einem getunten Rändelrad (jede zweite Zacke entfernt) immer vom selben Anfangsloch in der Spitze ausgehend, mit demselben Zacken beginnend markiert (um den gleichen Abstand auf der Vorder- und rückseite zu gewährleisten), gestochen und dann gebohrt.

So, dass erstmal zur Näharbeit, zum Leder sage ich später noch was, das ist noch so eine seltsame Sache.

Gruß Andreas
 

HankEr

Super Moderator
Tja, Luftauge, Du machst Dich hiermit also um die Schonung natürlicher Resourcen verdient indem Du uralte Lederreste aufarbeitest und (vorhandene) Rändelräder anpaßt.

Aber wie sieht es denn jetzt aus? Ist das Leder jetzt geeignet, oder nicht? Warum sieht man im Bild links oben, den Faden (?) raußhängen?

P.S.: Als Spezialservice mal wieder die Links zu den angesprochenen Threads:
 

luftauge

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Zum Leder:
Wie im anderen thread beschrieben, ist es (das Deck- und Schlaufenleder) ca. 40 - 50 jahre alt und entsprechend versprödet, es hat seit mindestens 30 Jahren an einer unverputzten Wand gehangen, um Feuchtigkeit !!! von den Schuhen im Regal abzuhalten.

Das Problem ist bekannt:
Hart und verdammt spröde -
1. Mit dünner Seifenlauge erstmal den groben Dreck entfernt
2. Versucht (!!!), das Leder vorsichtig zu Wässern, ging aber nicht, die Poren waren fest geschlossen
3. Baumwolltücher angefeuchtet, und glatt auf das Leder gelegt, bis das Wasser langsam einzieht
4. Jeden Tag (ca. 2Wochen lang) die Lappen ausgewaschen, und mit frischem Wasser, zwischendurch mal mit verdünntem Spiritus neu aufgelegt, die Jauche stinkt bestialisch.
5. Vor dem ersten Ölen mit Lederöl alle Lederstücke mit heissem Wasser in der Dusche ausgewaschen
6. Bevor das Leder wieder trocken war, die erste Ölung auf das noch warme Leder, ging nicht so gut, da das Öl sehr zäh ist
7. Regelmässig die Biegsamkeit des Leders von Hand überprüfen, bis es ohne großen Druck verformbar ist, und der Klang des Leders beim Abklopfen dumpfer wird.
8. Trick:
Mischung von ca. 60:40 Spiritus:Lederöl kräftig aufgeschüttelt, sobald diese Mischung milchig weiß ist, ohne Verzögerung sofort mit Pinsel auftragen - sobald das Gemisch zur Ruhe kommt, fängt es an zu entmischen ! was Besseres fiel mir auf die Schnelle nicht ein, da das Öl weder in Spiritus, Aceton oder Isopropanol gelöst oder verdünnt werden konnte, war wieder mal ein improvisierter Versuch, der geglückt ist.

Bearbeiten:
Ich fange beim Problem an, die vorangegangenen Schritte sind bekannt.
4. Naht ausheben, hier eine seltsame Beobachtung:
Das Leder hat anscheinend auch so etwas, wie beim Stahl die Walzrichtung, es ließ sich fehlerfrei nur in eine Richtung schneiden, entgegengesetzt ist die Nahtlinie ausgefranzt.
Abbruch, Nahtausheber ausbauen, in einen kleinen Stiftfeilkloben einsetzen und mit Anschlagschiene (Stahllineal) die andere Seite bearbeiten.

5. Dann mit dem Rändelrad in einem Punkt anfangen, die Nahtlöcher zu markieren, mit Ahle stechen, dann bohren.
Aaaaber:
Wie bullet101 hier http://www.messerforum.net/forum/showthread.php?s=&threadid=14568
schrieb, sind die Bohrungen rückseitig ausgefranzt, ist mir auch passiert, Abhilfe:
Das erste Nahtloch wird durchgebohrt, dann wird der Seitenabstand festgelegt oder von der Vorderseite übernommen, und die Naht von der Gegenseite ausgehoben und 5. wiederholt.

Das wird in die gleiche Richtung gemacht, wie anfangs, entweder von der Spitze zur Schlaufe, oder umgekehrt - rundherum in "einem" Zug hat nicht gefunzt, im Zweifel vorher an kleinen, unauffälligen Stellen probieren, ob man nur in eine oder beide Richtungen ausheben kann, sobald die Nahtlinie drin ist, kann man wieder in beide Richtungen arbeiten, um die Nahtrille zu vertiefen.

Danach wird auch von der Gegenseite gebohrt (oder gestochen), bis etwa zur Hälfte, weil sich dort die Bohrungen treffen, der Rest wird dann entweder nur noch gestochen, oder vorsichtig ausgebohrt.
So konnte ich sicherstellen, dass die Bohrungen nicht im keiligen Gesamtpaket verlaufen und die Bohrungen ausfranzen.
Wem das zu umständlich ist, kann auch ein Stück Hartholz unterlegen, damit der Durchstoß nicht ausreißt.

Ich habe so geschrieben, als wäre es allgemeingültig, isses natürlich nicht, aber so lässt es sich einfacher schreiben ;)

Gruß Andreas
 
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luftauge

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@ HankEr:
Der Faden hängt nicht raus, sondern ist durch alle 5 (jetzt nur 4) Lagen gezogen, dass er offen liegt, hat folgenden Grund:

Ich hatte vor, eine Lasche mit Druckknopf in Längsrichtung über dem Klingenrücken anzubringen, sieht man im großen Bild rechts unten - leider war das Leder noch nicht weich genug und ist abgebrochen, darum die ausgehobene Nahtlinie ohne was drin oder dran.
Ausserdem ist mir der Bohrer verlaufen, so dass die Bohrung seitlich aus dem Leder rauslief, zu knapp bemessen.
Den Faden hätte man nicht sehen sollen oder können, aber da das Messer stramm sitzt, konnte ich auf die Lasche verzichten, dafür habe ich die Option, durch die Schlaufe einen zusätzlichen Halteriemen anzunieten, ist durch den Griff verdeckt.

Geeignetheit:
Wie oben bereits erwähnt, war dieses Leder wohl ursprünglich für andere Zwecke gedacht, ich wollte es nur mal versuchen, war schon drauf und dran, die Tonne zu Öffnen, habe es anders überlegt und zu Ende gebracht.
Dass es nicht ganz fehlerfrei ist, hatte ich ja schon angedeutet,
Aber das Funkeln im Auge des alten Meisters, bei der Vorstellung meiner Arbeitsprobe mit dem Geständnis der Schummelei vorher, entschädigt für Alles ;)
Darum auch der Titel ...ungeeignetes Material..., das sagte auch der alte Meister.

Nun will ich wenigstens hoffen, dass die Schlaufe nicht irgendwann bricht, genug Öl hat sie jedenfalls schon bekommen.
Man hat mir auch geraten, solches Leder komplett in Öl einzulegen, um es weich zu machen.
nochmal edit:
Du sagst "uralte Lederreste" so ein wenig mitleidig, wie mir scheint :D - "Reste" ist milde ausgedrückt, es sind bisher ca. 2qm (kostenlos), an der besagten Wand hängen noch ca. 3 - 4qm !

Das mit dem Rändelrad war nur der Vollständigkeit halber, weil vielleicht nicht jeder weis, dass der normale Zackenabstand für solche Nähte etwas zu kurz sein könnte...

Gruß Andreas
 
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Tolstoi

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Hallo Luftauge,

mir gefällt die Scheide echt gut. Vor allem aber finde ich es klasse, wie Du alles beschrieben hast. Ich war leider nicht so geduldig mit meinem alten Leder. Ich habe es damals mit einem Lederfett (Centralin) eingerieben, und nach der ersten Behandlung festgestellt, das es zwar einiges aufgesaugt hat, aber an der Oberfläche noch einiges übrig war. Mein zweiter Versuch war das Leder mit Balistol zu behandeln. Auch nachdem ich das Leder fast schon in Balistol ertränkt hatte, war es auch nach einigen Tagen nicht möglich, das Leder ohne Risse zu biegen. Danach habe ich es aufgegeben, das Leder weiter zu behandeln. Deine Versuche geben mir aber echt Mut, es weiter zu probieren.

Zwei Fragen hätte ich aber noch : Kann man deine Scheide jetzt biegen, ohne das sich Risse bilden?

Und hast Du schon mal den Tip von Markus Antonius ausprobiert, das Leder mit Wasserstoffsuperoxid zu behandeln? Soweit ich mich erinnern kann, ging es dabei zwar nur um Leder für das Färben vorzubereiten, aber vielleicht hilft es ja auch, um Leder allgemein etwas aufnahmefähiger für Öl/Wachs zu machen ?

Ich habe das selbst noch nicht ausprobiert, weil ich keine Ahnung habe, welche Konzentration dafür geeignet ist.
Grüße

Tolstoi
 

luftauge

Mitglied
Ich habe Peroxid ausprobiert, aber in anderem Zusammenhang:
Nachdem ich weiter versucht habe, das Leder mit Wasser aufzuweichen, hat sich an der Unterseite ein weißer, wachs- oder schimmelähnlicher Belag gebildet, den habe ich mit Peroxid entfernen können.

Das mit dem Lederöl hat soweit gut funktioniert, nachdem ich es mit Spiritus als "Träger" besser auf das Leder verteilen konnte.
Ich werde wohl noch länger ölen müssen, bevor das Leder halbwegs sicher gebogen werden kann, vielleicht ist auch etwas mechanische Unterstützung nötig, um das Leder nach und nach weicher zu bekommen, man nennt das wohl "walken", gesehen habe ich es mal im Fernsehen.

Achso, biegen kann man die Scheide nicht, die besteht aus fünf Lagen Sohlenleder, zwei davon sind keilig verjüngt ("ausgeschärft"), damit der Griff nicht ständig gegen die Schlaufe drückt, und die Schlaufe bekomme ich auch noch hin, das weis ich jetzt.

Gruß Andreas
 

Eukalypt

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Hallo Andreas,
für die erste Brandsohlenlederscheide nicht schlecht, ist dir gut gelungen, auch wenns ein paar unvorhergesehne Probleme gab.

Nach unserem gespräch neulich abend, hab ich mit meinen Brandsohlenleder ein paar Versuche gemacht. Meins ist ca. 40-60 Jahre alt,und stammte noch aus den Lagerbeständen des Vorbestitzers meiner Werkstatt. War aber immer Trocken gelagert.

Erfahrungen:

Leder etwas geschmeidiger machen:

Lederstreifen in Zugrichtung und entsprechender breite aus der Haut schneiden, am besten gehts mit ner Bandsäge. Anschließend ca. 12 Std. in eine Mischung aus 50% Glyzerin und 50% Weißöl einlegen. Danach herausnehmen, abtupfen und prüfen obs schon elastisch genug ist, bei mir haben 12 Std. ausgereicht. Nun den Lederriemen um eine Stange z. B. Schraubstockknebel ziehen, ähnlich wie beim Rundschleifen eines Messergriffes mit Schleifpapier. Dabei immer drauf achten, das nicks bricht, sonst nochmal in die Ölmischung. Das ganze abwechselnd mal von der Fleischseite und von der Narbenseite, bis es geschmeidig genug ist.

Is mal was neues die ganze Lederscheide aus Brandleder zu machen, bleib aber bei meinen Einsatzzwecken, Schuhsohlen, Absätze, Ledergriffe, Keder und Stecklederscheiden. Für Gürtelschlaufen und Riemen, will ich mich nicht drauf verlassen müssen, were zu schade, wenns nicht hält.

Ich hoff ich hab das in eine halbwegs sinnvolle und verstendliche Form gebracht, denn etwas zu formulieren ist nicht meine Stärke.

Schöne Grüße, und hoffendlich hilfts dir weiter, David
 

luftauge

Mitglied
Jo David,

Es hilft alles weiter, was man noch nicht probiert hat ;) und im chat war ja ausnahmsweise mal die Hölle los, da ging es unter.

Aber jede Antwort zieht leider weitere Fragen nach sich:
Wie stelle ich die Zugrichtung fest ?
Das Leder war bereits eckig geschnitten - H. Bergland hat den Rinderrücken "frisch" gehäutet (mit Rinderkontur) beschrieben.
edit:
Nicht aufgepasst :rolleyes:
Ich weis, wie Platten vorher zusammengehört haben. Anhand der Narben auf der Glattseite kann ich ungefähr abschätzen, wo die Wirbelsäule verlief, das müsste ein guter Anhaltspunkt für die Festlegung sein. Zugrichtung in die Länge oder in die Breite ?

Das mit dem Glycerin werde ich jetzt zusätzlich machen, bei einer Plattengröße von jetzt ca. 60 x 60 cm kann ich ohne "knarzen" oder Rissbildung das frisch geölte Leder auf einen Durchmesser von ca. 20cm rollen/biegen, stellenweise mehr, manchmal auch weniger.

So wie Du es geschrieben hast, habe ich es auch gemacht, nur eben erst mal mit einer dicken Papprolle von ca. 15 - 20cm Durchmesser.
Nach Deiner Erklärung kann wohl jeder solche Erweichungsversuche fortsetzen ;)

Gruß Andreas
 
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Eukalypt

Mitglied
Hallo Andreas,
ich glaub auf die Zugrichtung könne wir in diesem Fall Pfeifen, da Brandleder kaum noch dehnungseigenschaften hat.
Normalerweise lassen sich die Häute in der Länge dehnen, das heist, wenn du einen verzugfreien Riemen möchtest, musst du ihn qer zur Wirbelsäulenrichtung auschneiden. Bevor ich an einer Haut rumschneid, leg ich sie mir auf den Tisch und Prüfe die Zugrichtungen, denn es gibt oft Abweichungen. Dann markiere sie auf der Rückseite mit Pfeien, um dann das passende Stück für den gewünschten einsatz auszuschneiden zu können. Beim anwendungsgebiet Messerscheide Spiel das aber eher eine Nebenrolle, da wir im kleineren Maßstab arbeiten, bei einem Gürtel ist es aber sehr wichtig, denn wenn du alle 2 Tage 1 Loch nachstellen musst, hast du entweder abgenommen, oder das Leder falsch ausgeschnitten. Oder wenn du beispielsweise eine etwas längere, stark gebogene Lederscheide walkst, und sich das Leder einfach nicht richtig an der Rundung dehnt.
Aber spätestens beim 2. Mal merkst dus dir, oder wenns Lehrgeld ausgeht.

Schöne Grüße David

PS: setz hie eine Zugrichtungsskitze ein, wenn mein Scanner wieder geht.
 

luftauge

Mitglied
Wow.
Es scheint sich um eine regelrechte Killermischung zu handeln.
Weißöl kann lt. Apothekerhandbuch entweder Öliven- oder auch Ricinusöl sein.
Ich habe es angemischt, über Nacht drauf gelassen, und es scheint zu wirken, die ersten echten Verbesserungen treten in Erscheinung.
Das glycerin erscheint mir aber mit 85% Glycerol-Anteil zu fett zu sein, da werde ich wohl selbst noch nachhelfen müssen.

Ich bleibe dran !

Gruß Andreas