"Machetenmord" vs. illegalen Waffenbauer vs. Erfurt-Folgen

luftauge

Mitglied
Einige Dinge überschlagen sich wohl zur Zeit.

Da läuft jemand mit Machete Amok,
woanders betreibt ein Oberamtsrat einer Mittelbehörde mit entsprechender WBK/MuniEK eine kleine illegale "Waffenschmiede",
in einer Kreisstadt erschießt sich eine junge Frau mit der Dienstpistole eines benachbarten Polizisten.

In Sachen Erfurt kommt es mir vor, als würde in der Presse bereits eine "Legende" gestrickt, der zur Folge das WaffG wegen Erfurt geändert wurde, obwohl die "Aktionen" bekanntermaßen unabhängig voneinander waren und nur zufällig am selben Tag durchgeführt wurden.

Was merken sich die Leute wohl länger,
das Blut, die Tricks der Kundigen, oder die Nachlässigkeit aus Gewohnheit ?

Kommt es mir nur so vor, oder läuft bereits die nächste Einschränkungswelle an ?

Gruß Andreas
 

TimM.

Mitglied
Im Moment glaube ich nicht, das dies der Fall ist.

Aus einer Mitteilung des FWR:

"Am 7.5.2003 fand die von Innenminister Schily auf Betreiben des Forum
Waffenrecht kurzfristig anberaumte Sitzung statt, in der die Verbände
Gelegenheit erhielten, zum vorgelegten Entwurf der Verordnung Stellung zu
nehmen.
[...]
Innenminister Schily sagte eine Vielzahl von Veränderungen an der
Verordnung zu, insbesondere an den für die Verbände "vitalen"
Formulierungen.
[...]
Es muß erneut festgestellt werden, daß die Gesprächsführung der politischen
Leitung des Innenministeriums erneut deutlich auf die Findung eines
sinnvollen Konsenses mit den Verbänden ausgelegt war. Dies ist um so höher
zu bewerten, als die öffentliche Diskussion auch und gerade um den
Jahrestag von Erfurt herum eine andere Richtung nahm."

Das soll jetzt natürlich nicht heissen, dass die im Moment etwas abgemilderte Anti-Waffen-Hysterie ein Grund zum Feiern wäre - denn von einer leicht abgeschwächten Verschärfungspolitik zu einem rationalen Umgang mit dem Thema Waffen seitens der Politik und den Medien ist noch ein weiter Weg.
 

Guenter

MF Ehrenmitglied
Das Schlimme daran ist nur, daß ein gewisser Herr B. hinter glaubt, an seinen Vorgesetzten vorbei das Gesetz über Verordnungen und Ausführungsbestimmungen wieder verschärfen zu müssen. und er kommt damit auch noch durch, ohne Rügen und Abmahnungen, obwohl alle Vorgesetzten es wissen.
Ein Schelm, wer Arges dabei denkt.
 

Corben

Mitglied
So weit ich informiert bin, hat sich das mit Herrn B. aber bald erledigt, da er demnächst Ruhestand geht.
 

TimM.

Mitglied
Beachtensert ist, dass Herr B. eigentlich schon im Ruhestand wäre, wenn er nicht zwecks weiterer Arbeit an seinem "Lebenswerk", dem verschärften WaffG, eine Verlängerung der Dienstzeit gestattet bekommen würde.

Was Günter angesprochen hat, ist wohl eine persönliche "Nettigkeit" von B.s Vorgesetzten ihm gegenüber...so werden in Deutschland Gesetze gemacht.
 

HankEr

Super Moderator
bereits eine "Legende" gestrickt, der zur Folge das WaffG wegen Erfurt geändert wurde, obwohl die "Aktionen" bekanntermaßen unabhängig voneinander waren und nur zufällig am selben Tag durchgeführt wurden.
Die nochmalige Verschärfung über den Bundesrat (höhere Altersgrenzen + Verbot von Vorderschaftrepetierflinten ohne Hinterschaft) war schon eine Folge des Amoklaufes in Erfurt am Tag der Bundestagsabstimmung. (Ich halte es übrigens durchaus für legitim, das nicht für einen Zufall zu halten. (Schule versagt, kaum Freunde und dann wollen die da oben ihm auch noch seine Waffen abnehmen))

Prinzipiell wird es aber natürlich weitere Verschärfungen geben. Der Trend ist ja weltweit sichtbar, daß die Staaten ihren Bürgen immer weniger trauen und Generalverdacht eher die Regel als die Ausnahme wird. Ob das jetzt das Waffengesetz betrifft, Internet Sperrungen, versteckte Zensur oder Überwachungsmaßnahmen. Der Prozess ist immer ein schleichender.
 

Nidan

Mitglied
Also ich muß auch sagen daß die Unverschämtheit mit der dieser Herr Brennecke (wieso denn nicht den Namen nennen ;) ) das Waffengesetz sozusagen nach seinem Gutdünken noch mal zu verschärfen schon zum Himmel schreit.

Aber so ist`s halt, Politiker kommen und gehen, die eigentliche Macht haben in vielen Fällen die Beamten.

An eine weitere Verschärfung des Waffenrechts in naher Zukunft glaub ich aber nicht, ich denk das ist unsren "Herren" Politikern in Moment einfach nicht wichtig genug, sprich : Man erwartet sich von einer weiteren Verschärfung wohl keine zusätzlichen Wählerstimmen ;)
 

luftauge

Mitglied
Leider habe ich beim Autofahren nur die Möglichkeit zuzuhören, ohne zu dokumentieren, aber was da mit beinahe dreister Selbstverständlichkeit gesagt wurde,
geht IMO deutlich in Richtung gezielte Meinungsmache = Desinformation = Verdummung - und das von einem öffentlich rechtlichen Sender,
weil jemand, der nicht mit den zeitlichen Abläufen einer Gesetzgebung vertraut ist, meinen und glauben könnte,
das der gesamte Vorgang erst nach Erfurt in Gang gesetzt worden sei.
Dass nach dem Amoklauf eigentlich "nur" nachgelegt wurde, ging aus der Meldung so nicht hervor.

Gruß Andreas
 

Guenter

MF Ehrenmitglied
Erfurt war sicher nicht der Anlaß zur Verschärfung des Waffengesetzes, kam aber den Verfechtern sehr gut gelegen, weil es den Begründungsnotstand beseitigte, in den diese Herren geraten waren.
Danach wagten viele Gegner wohl nicht mehr, gegen das Gesetz zu stimmen.
 
--quote:
Aber so ist`s halt, Politiker kommen und gehen, die eigentliche Macht haben in vielen Fällen die Beamten.
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Ja, doch, Nidan, so langsam hast du's verstanden. ;) Und Herr Brennecke kann das BKA z.B. bei Dienstvorschriften oder BMI-Erlassen über die Ausnahmegenehmigungen für kulturhistorisch bedeutsame Messersammlungen etc. nach Belieben an die ganz kurze Leine nehmen.

Und kein Schwein in der Politik und im Rest des BMI wird sich dafür interessieren, weil man nicht zuständig ist, nichts von der Materie versteht und am liebsten auch gar nichts damit zu tun haben will.:mad:
 
Also - ich gehe auch mal OT:
Die Dienstzeit von Ministerialrat Jürgen Edgar Brenneke (ohne "c" im Nachnamen) läuft offiziell am 31. Mai 2003 aus. Es bleibt daher noch gut zwei Wochen abzuwarten, ob etwas an dem Gerede um Verlängerung dran ist.

Das WaffG sollte justament am 26.4.2002 verabschiedet werden. Ich erinnere mich noch, dass ich die Schlußdebatte per Live-Telefonverbindung mitverfolgt habe, als ein Kollege den Kopf zur Tür reinsteckte und von dem Massaker in Erfurt berichtete.

DANACH kamen die Zusatz-Verschärfungen à la MPU ins Spiel. Allerdings blieben die schon zuvor im WaffG enthaltenen, vor allem die Schußwaffen betreffenden Klöpse durch das Schulmassaker in Erfurt im wesentlichen unberührt, weil schon zuvor enthalten.

Ich gehe nicht konform mit der Aussage, man hätte Steinhäuser die Waffen wegnehmen wollen (= eins seiner Mordmotive).
Allen mir bekannten Informationen zufolge hatte die zuständige Ordnungsbehörde noch keinerlei Dunst davon, dass er a) die erste auf WBK-Voreintrag erworbene Waffe (die Glock-Pistole) nach dem Kauf nicht ordnungsgemäß bei der Behörde angemeldet hatte und dass es b) beim Kauf der mitgeschleppten, aber unbenutzten Vorderschaft-Repetierflinte zu Unregelmäßigkeiten kam: Demnach hatte ihm das Amt eine Flinte im Kaliber 12/70 genehmigt, Steinhäuser wollte aber eine in 12/76. Also Rückruf des Verkäufers beim Amt. Und das erteilt die Genehmigung --- statt es so zu machen wie alle mir bekannten Ordnungsbeamten: Das Ganze auf "Halt" zu setzen , erst mal die Papiere des Antragstellers zu überprüfen und gegebenenfalls mit dem Antragsteller noch mal ein Gespräch führen. In Steinhäusers Fall hätte dann die nicht eingetragene Pistole auffallen müssen — die Waffe stammte aus der Region, und der Vorbesitzer hatte bereits ordnungsgemäß den Verkauf der Glock gemeldet.

Demnach hat die Behörde gepennt.

Ich wage zu bezweifeln, dass aber das Einziehen der Waffen das furchtbare Massaker verhindert hätte. Meiner Meinung nach wäre es dadurch allenfalls vertagt worden.

Und noch was zu den Motiven: Steinhäusers Hass richtete sich, wie auch die Berichte zum Jahrestag des Verbrechens erneut zeigten, eindeutig gegen die Lehrer, die toten Schüler waren, wie das neudeutsch-behördlich-zynisch gern heißt, Kollateralschäden (ist auch sehr zu Recht schon "Unwort des Jahres" geworden). Die Direktorin der Schule hat sich wohl nach den ersten Schüssen direkt verbarrikadiert und sofort vermutet, dass es sich da um einen Ex-Schüler handele und dass das Ganze ihr gelte. Warum wohl?

Warum fliegt ein Schüler nach fraglos gröblichem Murks von der Penne, OHNE dass seine Eltern verständigt werden, Volljährigkeit des Schülers hin oder her?

Fürsorgepflicht, was ist das?

War es der Schulleitung egal, wie sich der Junge fühlte? Kümmerte es in der Schule keinen, was hinterher aus dem jungen Mann wurde? Hauptsache, weg mit dem Störenfried --- so kommt mir das vor. Was also herrschte in dieser Schule für ein Klima? Ich kenne das durchaus anders — und nicht nur ich, wie mir zahlreiche Antworten aus meinem Bekanntenkreis bestätigen.

In Kombination mit dem thüringischen Schulrecht und einer haltlosen, im freien Fall befindlichen Persönlichkeit ergibt das ein glasklares Motiv. Da braucht man meiner Meinung nach nicht weiter Nebelbomben zu zünden -- und schon gar nicht im Zusammenhang mit dieser Tat Adverbien wie "unfasslich", "nicht verständlich" oder "unerklärlich" zu verwenden.

Genau das ist diese Tat nicht - sie ist furchtbar, entsetzlich, grausam, mörderisch. Aber eben nicht unerklärlich. Durch solcherlei gedankenlosen Sprachgebrauch enthebt man sich quasi der Notwendigkeit einer Erklärung und verstellt sich so den Blick auf die wahren Zusammenhänge.