Böker Kalashnikov - ein erster Eindruck

beagleboy

Premium Mitglied
So, nachdem mich das Teil einigermaßen neugierig gemacht hat, habe ich jetzt die Standardausführung vor mir liegen.
Erster Eindruck: kein kleines Messer! Zum Größenvergleich habe ich einfach mal ein SOCOM dazugelegt.
Für alle, die die technischen Daten nicht kennen:


  • Klinge aus 440 C, Länge (gemessen) 9,95 cm, Stärke ca. 4mm am Klingenrücken
  • Griff Aluminium, mit Einlagen aus G-10
  • Verschraubter Clip (Tip-Up !), nicht umsetzbar
  • Griffrücken offen (kein durchgehender Spacer)
  • Beidseitiger Daumenknopf, fungiert als Klingenanschlag


Schon beim ersten Zugreifen fällt die angenehm handfüllende Grifform auf. Der Griff ist deutlich voluminöser als der des SOCOM und hat angenehm gerundete Kanten.
In den strategisch wichtigen Bereichen sind grobe Riffelungen angebracht, die ein Abrutschen deutlich erschweren. Insgesamt IMHO eine sehr gute Handlage für nicht zu kleine Hände; auch im Reversegrip gute Griffsicherheit durch entsprechende Riffelungen um das gesamte Griffende herum.
Der Daumenknopf ist mir persönlich einen Tick zu flach und hebt sich nicht ausreichend von der Griffschale ab, wobei ggf. auch eine etwas geriffelte Oberfläche des Knopfes ausreichen würde, um die Bediensicherheit entsprechend zu erhöhen.
Das gleiche gilt im Prinzip für die G10-Einlagen, die ich mir ebenfalls etwas griffiger wünschen würde (die Oberfläche entspricht hinsichtlich der Griffigkeit allenfalls den Schalen meines BM 730). Für meinen Geschmack hätte es hier etwas rauer sein dürfen.

Der Liner ist bündig zu den Griffschalen, wobei hier ja tendenziell eher eine Glaubensfrage vorliegt. Ich persönlich bevorzuge einen Liner, der ein kleines Stück über die Griffschale hervorsteht und so die Bedienbarkeit verbessert. Alternativ würde dies auch durch eine Ausfräsung an der oberen Griffschale gewährleistet (wie beim SOCOM); das Kalashnikov allerdings hat den Liner bündig zwischen beiden symmetrisch ausgefrästen Griffschalen sitzen, was ich nicht für eine optimale Lösung halte. Hier halte ich das Sicherheitsdenken (im Sinne der Verhinderung eines versehentlichen Entriegelns) für übertrieben.

Die Fangriemenöse ist so plaziert, dass auch bei geschlossener Klinge kaum Kontakt zwischen Fangriemen und Schneide entstehen kann (anders als bei meinem MT LCC zum Beispiel).

Der Klingengang ist weich und gleichmäßig, wenn auch nicht übermäßig leicht, und die Klinge rastet satt ein. Der Liner lässt sich auch sauber entriegeln und hakt nicht, wie man das oft z.B. bei CRKT-Messern feststellen kann.
Mir allerdings ist diese Auslegung recht sympathisch, weshalb ich auch nicht an der Klingenachsenschraube rumgedreht habe, um die Leichtgängigkeit zu erhöhen. Ein Aufwerfen des Messers ist so allerdings schlecht möglich.
Klingenspiel ist in keiner Richtung feststellbar; hier macht das Messer einen sehr präzise gefertigten Eindruck.

Die Schärfe der normalen Schneide ist einigermaßen befriedigend, der Wellenschliff ist allerdings – Entschuldigung- lächerlich.
Wenn ich bei meinem MT LCC, MOD Tempest, BM Mini Reflex, Gerber AF Combat Folder oder sonst einem anderen meiner Messer so mit der Daumenkuppe über die Serrations rubbeln würde, hättet Ihr jetzt keinen Test zum Lesen, da ich mit den vielen Fäden und dem Verband an der Daumenkuppe nicht gut tippen könnte!
Ein Wellenschliff muß nicht aggressiv aussehen, um aggressiv zu schneiden, aber beim Böker Kalashnikov ist der Schliff so unspektakulär wie er aussieht.
Daß es bei Serrations Fertigungstoleranzen gibt, ist bekannt, ob es allerdings hier auf Toleranzen zurückzuführen ist oder Serienzustand ist, kann ich mangels Vergleich nicht sagen. Auf jeden Fall ruft der hintere Klingenteil laut und deutlich nach dem Sharpmaker.

Mein größter Kritikpunkt ist allerdings am ansonsten recht gelungenen Griff:

Die Ausfräsung für den Daumen zum Erreichen des Daumenknopfes ergibt in Kombination mit der groben Riffelung an der Griffunterseite für den Zeigefinger eine wahre Säge!
Beim Entriegeln des Liners ist dies schon zu ahnen, aber wer beim Arbeiten mit diesem Messer mit dem Zeigefinger in der entsprechenden Vertiefung auf dieser Riffelung hin und her rutscht, kann einen blutigen Finger nicht ausschließen. Skurrilerweise ist es vor allem die obere Schale, die sich durch Scharfkantigkeit besonders hervortut; es hat also nichts mit einer konstruktiv bedingt schmal gehaltenen Griffschale zwecks Aufnahme des Liners in eingeklapptem Zustand zu tun. Auf den Bildern ist es jeweils die obere Zahnung.
Hier sollte Böker unbedingt nachbessern!
Ein etwas höherer Daumenknopf würde eine nicht ganz so tiefe Ausfräsung der Schale ermöglichen, was das Problem deutlich lindern könnte.

Fazit:

Ein schönes Messer, das sich u.a. durch eine gewisse Alltagstauglichkeit auszeichnet und designtechnisch durchaus eigene Wege geht, wenngleich es allerdings in Details Bedarf für Nachbesserungen gibt.
Auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung von Böker.

P.S. Aufgrund der Nähe des Herstellers zu diesem Forum würde ich mich natürlich auch über eine Rückmeldung seitens Böker freuen.
 

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beagleboy

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Eins noch...

Hier im Bild nochmal die "Sägekante" (oben am Griff) :cool:
 

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crashlander

Premium Mitglied
Danke für den schönen Test. Mir gefällt die Griffform vom Kala ziemlich gut, aber wenn ich mir so anschaue wie klein das Socom dagegen aussieht, wäre es mir vermutlich zu groß. Das Socom Elite, welches manchmal in meiner Tasche mitreitet, ist für mich schon hart an der Größengrenze.
Aber sonst siehts ja ganz gut aus, auch auf den Nahaufnahmen. Nur die Klingenform ist halt nix für mich, steh eh nicht so auf Bowies, auch nicht auf russisch-deutsche ;)
 

Nidan

Mitglied
Schöner Test, Beagleboy !

Was mich aber noch interessieren würde wär wie sich das Böker beim Schneiden anstellt. Die haben den Schliff ja nur sehr schmal gemacht und da wüßte ich jetzt gerne wie sich das im Vergleich zu einem gutem hohem Flachschliff auswirkt.
 

beagleboy

Premium Mitglied
Schneidleistung

Ich messe das immer etwas an meinen Erkenntnissen aus dem Vergleichstest MOD Trident vs. BM 730 Ares (siehe Link in meiner Signatur).
Das Kalashnikov schlägt sich mit seinem Hohlschliff hier ganz wacker, und das habe ich letzten Endes in meinem Test auch gemeint (wenn auch nicht explizit zum Ausdruck gebracht), als ich von Alltagstauglichkeit gesprochen habe.
Ich attestiere das keinem Messer, das nicht ein gesundes Maß an Schneidleistung bringt. Klappspaltäxte und Brecheisenfolder fallen da bei mir durch!
Wie gesagt, Schärfe out of box war ok, und auch feinere Schneidarbeiten lassen sich mit dem hohlgeschliffenen Teil der Schneide gut durchführen, da die Klinge sich nicht gleich wenige Millimeter über der Schneide drastisch verbreitert (siehe Trident), sondern den ihr für die Schneide zur Verfügung stehenden Teil gut nutzt, ohne dadurch einen filigranen oder gar fragilen Eindruck zu machen (wie auch, bei 4mm Klingenstärke :D ).
 

HeinrBoker

Moderator Forum Böker und CRKT
Natürlich sind wir bei BOKER alle froh über die doch sehr positive Beurteilung unseres Messers, das für uns in vielerlei Hinsicht Neuland bedeutet.

Da ist zunächst der Name "KALASHNIKOV", der wie erwartet nicht ganz unkritisch von jedermann in der internationalen Messer-Welt akzeptiert wurde. Wir sind jedoch sehr erfreut, daß wir uns mit unserer Argumentation überzeugend durchsetzen konnten, daß die Zeiten des kalten Krieges ein für allemal vorüber sind, die großen Nationen immer näher zusammenrücken, sich gegenseitig schätzen und verstehen und lokale Kriege, wie im Nahen Osten - wohl unvermeidliche - Steine und Rückschläge bedeuten auf dem Wege zur weiteren Verständigung aller Kulturen dieser Welt.

Das zweite spannende Element in diesem Projekt ist unser Anspruch, sowohl im Design als auch qualitativ voll zu überzeugen und mit den sehr hochpreisigen Amerikanern mitzuhalten, die diesen Markt bisher bestimmt haben.

Gerne gehe ich auf die Punkte ein, die leicht kritisch beurteilt wurden bzw. auf die Anregungen, in dem einen oder anderen Detail nachzubessern.

Bei dem etwas zu flachen Daumenknopf war uns sehr daran gelegen, keine über die Schale hervorstehende und damit störende Kante zu produzieren. Ich meine, daß sich der Daumen sehr schnell daran gewöhnt hat, den Lifter zu finden und die Klinge aus ihrer geschlossenen Position zu heben. Hier wollen wir weitere Anregungen bzw. Kritiken vom Markt abwarten bevor wir uns zu einer Abänderung entschließen.

Bei den G-1O Schalen bin ich absolut der Meinung von BEAGLE BOY. Wir haben inzwischen ein verbessertes G-1O eingekauft und die jetzt aus der Produktion kommenden Messer haben eine tiefschwarze stärker geriffelte Einlage.

Der bündige Liner ist in der Tat eine Glaubensfrage. Wir vertreten die Meinung, daß man diesen Liner möglichst in den Messerkörper ohne hervorstehende Partien einarbeiten sollte solange die Funktion nicht gestört wird. Wir finden es auch nicht schlimm sondern eher begrüßenswert, wenn jedes Messer-Modell seine Eigenart bzw. Eigenwilligkeit prägt, an die man sich allerdings beim Gebrauch sehr schnell gewöhnen kann.

Wir kommen zur Welle: hier muß ich klein beigeben. Mich befriedigt die derzeitige Welle auch noch nicht hundertprozentig, nachdem sie gegenüber dem ersten Wurf bereits deutlich verbessert wurde. Hier bahnt sich in der Tat ein baldiger Wechsel an. Im Moment wird gerade unsere letzte Neuheit für dieses erste Halbjahr, der Advanced Folding Dagger - kurz AFD genannt - an den Fachhandel ausgeliefert. Hier haben wir eine eigene Welle konstruiert. Es ist durchaus möglich, daß wir genau diese Welle auch bei KALASHNIKOV einsetzen.

Die scharfen Kanten im Eingriff für Daumen und Zeigefinger sind inzwischen entschärft. Auch hier steht in der Diskussion eine weitere Verrundung der Zähne. Allerdings muß man hier vorsichtig rangehen, um nicht den Gesamteindruck des Messers zu trüben. Ich muß jedoch etwas entgegenhalten - selbst bei meinem mutwilligen Versuch, mir blutige Finger zu holen, habe ich dieses Experiment nach einer Tagesschau-Länge abgebrochen.

Das gezogene Fazit freut uns ganz besonders. Man akzeptiert, daß wir aus der Vergangenheit gelernt haben und einen deutlichen Sprung nach vorne gemacht haben, was die Qualität in Funktion und Verarbeitung angeht.

Hierzu allerdings eine allerletzte Bemerkung:
Ein solch positives Ergebnis ist erreichbar, wenn man ein Produkt konzipiert, das sehr stark die neuen Technologien des Laserns und des CNC-Fräsens in den Vordergrund stellt. Hier ist die Güte des Produktes sehr stark abhängig von dem guten, erfahrenen Konstrukteur und dem guten Maschinenpark, der in der Lage ist, in sehr engen Toleranzen die Teile zu produzieren. Es geht etwas verloren - die persönliche Hingabe des Taschenmesser-Fachmanns, der jedes einzelne Messer begutachtet, die Perlmutt-Schalen einpaßt, das Thuja-Holz schleift und poliert und letztlich ein individuelleres Messer produziert als es das Bearbeitungszentrum tut. Wir wollen beide Wege gehen, weil wir wissen, daß es Liebhaber für beide Varianten gibt.

Beste Grüße
E.-W. Felix-Dalichow
 
F

filosofem

Gast
Hallo Herr Felix-Dalichow,

ein interessanter und sehr guter Beitrag. Auf das AFD bin ich schon sehr gespannt!

Gruß,
Filosofem
 

Geist

Mitglied
Kann mich nur anschließen, klasse wie die Kritikpunkte aufgenommen wurden und in die Perfektionierung des Messer einfließen, davon profitier sicher beide Seiten :super:
 

Nidan

Mitglied
Da kann ich euch nur zustimmen. Da fühlt man sich als Kunde schon ernst genommen.

Was mir aber noch fehlt ist eine "normale" Variante ohne Säge. Wäre so etwas nicht machbar ?
 

Friedl

Mitglied
Hallo Herr Felix -Danichow,
das klalshnikov ist ein wirklich gelungenes messer, nur warum ist es mit ausnahme des damast nur serrated zu bekommen. Sicher werden Sie nun antworten "weil es der markt so will". Diese meinung kann ich aber nicht teilen, da serrated vielleicht den "normalen" messerkäufer( nicht abwertend, er macht schließlich den großteil Ihres umsatzes aus) begeistert, der darin ein tolles immerscharfes teil sieht und dafür gerne 20 -30 euronen ausgibt. Da Sie mit dem k. in preisliche bereiche vorstossen(vergleichbar BM,oder gar MT), in welche nur der messerfan,-fanatiker bereit ist für ein messer 150 - 400 euronen zu bezahlen, sowie in diesen gefilden serrated schon als vergewaltigung und materialzerstörung angesehen wird, sollten Sie den modeschnickschnack weglassen oder zumindest das k. plain anbieten. Das gleiche gilt übrigens für das Heckler& Koch. Dass Böker dies (und hochwertige messer bauen) kann, haben Sie ja mit dem Walker Ats34 G10 endlich wieder bewiesen.(das walker gibt es ja, wie Sie sicher wissen gar nicht serratet, aber irgendein marketingidiot wird wohl auch noch damastklingen "verzägezahnen"). Aber nichts zum Trotz ich bin sicher Sie sind auf dem richtigen weg,
machen Sie weiter so, und ich bin sicher man wird dereinst sagen: "soll ich nun das microtech oder das böker nehmen?"

grüße friedl
 
L

LinkeBerlin

Gast
Da schreibt "beagleboy" einen wirklich schönen Testbericht...

...und muß sich letztlich ärgern, daß er ein quasi Vorserienmodell erworben hat. Die frühen Käufer testen und geben ein Feedback, der Hersteller erkennt die Schwachstellen und das "neue" Messer ist praktisch fehlerfrei.

Als Messerfan würde ich das erste Messer nicht mehr mögen, es "verschleudern" und das Neue kaufen. So bringt man(n) sein Geld unter die Leute.

Diese Technik des Test-Outsourcing, die m.E. von einem Software-Giganten erfunden wurde, scheint heutzutage leider immer mehr Verbreitung zu finden.

Schade.

P.S. Wir sollten für beagleboy ein Test-Spendenkonto einrichten, damit er uns noch öfter vor Fehlinvestitionen bzw. Schnellkäufen bewahren kann.
 

beagleboy

Premium Mitglied
Original geschrieben von LinkeBerlin
Da schreibt "beagleboy" einen wirklich schönen Testbericht...

...und muß sich letztlich ärgern, daß er ein quasi Vorserienmodell erworben hat. Die frühen Käufer testen und geben ein Feedback, der Hersteller erkennt die Schwachstellen und das "neue" Messer ist praktisch fehlerfrei.

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Diese Technik des Test-Outsourcing, die m.E. von einem Software-Giganten erfunden wurde, scheint heutzutage leider immer mehr Verbreitung zu finden.
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P.S. Wir sollten für beagleboy ein Test-Spendenkonto einrichten, damit er uns noch öfter vor Fehlinvestitionen bzw. Schnellkäufen bewahren kann.

Ein Vorserienmodell ist es nun (AFAIK) nicht gewesen. Nichtsdestoweniger habe ich vor kurzer Zeit Gelegenheit gehabt, das überarbeitete Exemplar in der Hand zu haben.
Am Griffdesign hat sich (soweit ich feststellen konnte) nichts geändert, was die Fräsungen angeht, aber das G10 ist jetzt viel besser, und der Wellenschliff wird seinem Namen auch gerecht.

Natürlich gibt es immer wieder Fälle, wo sich ggf. auch aus produktionstechnischen Gründen in der Serie vielleicht eine Unzulänglichkeit einschleicht, aber mir ist ein Hesteller wie Böker, der hier erstens unumwunden dazu Stellung bezieht und dazu steht und zweitens auch noch umgehend die Serie ändert, lieber als ein Hersteller, der einfach darüber hinweggeht und nichts ändert. Totschweigen ist eindeutig die schwächere Lösung.

Im übrigen handelt es sich ja nicht um einen Defekt o.ä., sondern um Eigenschaften, die jeder beim ersten Befingern feststellen kann (und wer online gekauft hat, kann bei Nichtgefallen sowieso umtauschen).

Was das Spendenkonto angeht: auf Anfrage teile ich gerne meine Bankverbindung mit... :D
 
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L

LinkeBerlin

Gast
Stimmt!

Wenn ich das mit den Berichten von Messerkäufen aus den USA vergleiche, dann ist die (Umtausch-) Situation hier eindeutig besser.

Eigentlich ist es wie mit Pkw - wer sofort das neue Modell will, muß mit Kinderkrankheiten rechnen. Die Anderen warten dann auf die zweite Serie.