PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Schwefel im Stahl?



painless potter
20.09.10, 10:14
Hoffe es ist nicht zu OT, aber heute Morgen stand sinngemäß folgendes in unserer Zeitung:

In Wilhelmhaven muss eine Stahlbrücke restauriert werden. Es wurde von "Nürnberger Stahl" gesprochen, gebaut ist sie 1907. Der Stahl sei so schwefelhaltig, das Schneidbrenner wegen der hohen Explosionsgefahr nicht zum Einsatz kommen dürfen.

Was sagen die Stahlexperten dazu? Kann das sein oder ist es nur das übliche Halbwissen der Zeitungsreporter?

PP

Mister B.
20.09.10, 10:18
Moin!
Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, dass die Seigerungszonen so riesig sein sollen, dass was explodieren kann. Dann würde die Brücke wohl kaum so lang gehalten haben...
Wahrscheinlich ist das einer von den Reportern, die auch Safes "Auseinanderschweißen" wollen und dafür einen Schweißbrenner nutzen;-)
Gruß Stefan

AchimW
20.09.10, 10:19
Ja klar, bei der Herstellung hat man den Stahl damals auch durchgehend vom Erz bis zum fertigen Träger ausschließlich kalt bearbeitet wegen der Explosionsgefahr.

Ich glaub' mal eher, dass die die Schneidbrenner nicht einsetzen wollen, um die Schweißer nicht dem Gestank und dem giftigen SO2 auszusetzen.

painless potter
20.09.10, 10:42
@achim:

Das ist natürlich ein Argument, dem man sich schwer entziehen kann. Tatsächlich wurden in dem Bericht auch erhebliche Umweltaspekte beschrieben, weil die Brücke mit hochgiftigen Schutzfarben behandelt wurde und die Restaurierung jetzt unter entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen erfolgen muss, ähnlich wohl wie bei einer Asbestsanierung.

Was mich noch interssieren würde ist ob "Nürnberger Stahl" einfach nur die Herkunft beschreibt oder ist es ein Eigennahme für eine spezielle Stahlsorte?

blackfox
20.09.10, 11:17
Der Zeitungsartikel: http://www.weser-kurier.de/Artikel/Region/Niedersachsen/233528/Wilhelmshaven+saniert+sein+Wahrzeichen.h tml

sanjuro
20.09.10, 11:53
.....Ich glaub' mal eher, dass die die Schneidbrenner nicht einsetzen wollen, um die Schweißer nicht dem Gestank und dem giftigen SO2 auszusetzen.
...was ja bei einem Schwefelgehalt von - geschätzt - unter 0,1% im Puddeleisen eine große Gefahr wäre.

Aber diese Details in dem Bericht passen gut zu den erwähnten 'Bronze-'Dächern.

Gruß

sanjuro

U. Gerfin
20.09.10, 12:28
Diese Besserwisserei ist einfach nicht mehr auszuhalten !
Wenn in der Zeitung steht, es bestehe beim Brennschneiden wegen des Schwefelgehalts des Nürnberger Stahls Explosionsgefahr, dann hat sich die Wirklichkeit danach zu richten.

Daß Nürnberg in der Stahlerzeugung führend war, ist durch den Artikel ebenfalls erwiesen. Da kommt der gesamte Kohlenpott nicht mit, die Saar schon gar nicht.

Die Nürnberger haben, wie man nun vermuten muß, den beim Austreiben des Teufels hinterbliebenen Schwefel im Stahl entsorgt und diesen Stahl an die Preissn verkauft.

Der Schwefel aber hat sich aus besonderer Bosheit nicht einfach auf den Korngrenzen verteilt, sondern ist ganz stark ausgeseigert.
Es haben sich also im Stahl richtige Schwefelnester gebildet.
Diese wiederum haben den im Stahl vorhandenen Kohlenstoff an sich gesaugt.
Diese Kohlenstoff-Schwefelnester liegen nun im Stahl auf der Lauer, bis ein Mensch mit einem Schneidbrenner kommt. Dadurch werden die im Stahl eingebetteten Nester erst mal erhitzt und in Stimmung gebracht.
Sobald der umhüllende Stahl abgeschmolzen ist, reißt das erhitzte Schwefel- und Kohlenstoffgemisch den Sauerstoff des Brenners an sich und explodiert.

Wem das nicht unmittelbar einsichtig ist, der soll sich mittels des Nürnberger Trichters die erforderlichen Grundkenntnisse in Physik und Chemie eintrichtern lassen und die Kritik an den Meisterwerken unserer Medien unterlassen.

Strenge Grüße

U. Gerfin

MythBuster
20.09.10, 18:51
nein Ulrich das siehst Du ganz falsch. Die wissenschaftliche Begründung für die Explosionsgefahr liegt auf der Hand: Die Wilhelmshavener haben über ein Jahrhundert an die Brückenpfeiler gepieselt. Aerobe Bakterien haben aus dem Harnstoff dann Nitrat gebildet, was dann entlang der Seigerungszonen in den Stahl eindiffundiert ist (Die Diffusionskonstante reiche ich gerne nach, wenn ich die mittlere Temperatur in Wilhelmshaven nachgeschlagen hab). So, und spätestens jetzt müsste es klingeln. Nitrat bei gleichzeitiger Anwesenheit von Schwefel was ergibt das dann, wenn man die ubiquitären Kohlenstoffnano-röhrchen nicht vergisst?
Ja klar: Schwarzpulver! Da ist ein Schweissbrenner natürlich ein absolutes No Go.
Erzählt aber nicht´s weiter, denn ich werde den Vorschlag machen, die Brücke einfach anzuzünden, was den Abriß auf die Kosten eines Streichholzes reduziert + 2,5x10^6 € für mich, für den ersten MythBuster Award, der ab jetzt jählich von Wilhelmshaven verliehen wird.:irre:

Gruß

MythBuster

pitter
20.09.10, 21:02
Daß Nürnberg in der Stahlerzeugung führend war, ist durch den Artikel ebenfalls erwiesen.

Nun - mir als Nürnberger war das auch ganz neu. :steirer: Im Ernst, weiß jemand, wer dem Schreiber den Floh mit dem "Nürnberger Stahl" ins Ohr gesetzt hat? Ich weiss zwar, dass annodunemal sowohl die Vorläufer von Siemens und MAN hier irgendwas mit Stahlerzeugung gemacht hatten, aber von Hochöfen in Nürnberg hab ich noch nie gehört. Was es gab, war die Maxhütte - aber die war in der Opf, was - wie jeder Franke weiß - mit Nürnberg soviel zu tun hat, wie die Isarpreissn.

Was ich mir vorstellen kann ist, dass hier aus dem Stahl die Bauteile/Träger gefertigt wurden.

Pitter

sanjuro
20.09.10, 21:44
.....Ja klar: Schwarzpulver! Da ist ein Schweißbrenner natürlich ein absolutes No Go. Erzählt aber nicht´s weiter, denn ich werde den Vorschlag machen, die Brücke einfach anzuzünden, was den Abriss auf die Kosten eines Streichholzes reduziert....
Vielleicht haut es aber die Brücke nicht in die Luft, sondern schweißt sie komplett durch! Dann hast Du das erste Verfahren für selbst schweißenden Stahl entwickelt! Du musst dann nur noch dafür sorgen, dass bei Neubau-Brücken in kürzester Zeit genug Nitrat an die Pfeiler (aus Puddeleisen) gelangt....

Gruß

sanjuro

Sineater
20.09.10, 21:50
Nach dem Nürnberger Stahl gibts in Wilhelmshaven nun auch bald Solinger Lebkuchen...:steirer:
Die Brücke(Kaiser Wilhelm Brücke) wurde von MAN in Nürnberg hergestellt.Das einzige,was ich mir vorstellen kann ist,dass die Arbeiter die Brenner nicht benutzen dürfen,weil sie damit möglicherweise die Schwenkmechanik der Brücke beschädigen.Aber dass Stahl explodiert...eher nicht
Gruß Flo

teachdair
20.09.10, 21:53
du, da ist wasserstoff drin, sei also froh, das noch kein arbeiter ne fusion ausgloest hat

(krieg ich jetzt das volontariat?)

blackfox
21.09.10, 07:57
Was ich mir vorstellen kann ist, dass hier aus dem Stahl die Bauteile/Träger gefertigt wurden.

Oder vielleicht doch Messerklingen?


Ich möge mir's getrost schmecken lassen; der Brandenburger aber werde ein bitter Stück Nürnberger Stahl zu kosten bekommen, des sei er sicher.


Nachzulesen unter: http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=492&kapitel=22#gb_found

author Georg Ebers
year 1889
publisher Deutsche Verlags-Anstalt
address Stuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
title Die Gred

Schanz Juergen
21.09.10, 21:38
@u.gerfin,
DANKE für diesen beitrag - das versüsst mir diesen abend !!!

jetzt ist mir das auch mit den nürnbergern klar - der schwefel ist schuld dran - gell pitter ? :irre: