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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Wie geht ihr mit verzogenen Messern um?



freagle
12.08.01, 23:10
Hallo Leute,

mal ne Frage an die Experten. Leider waren bei mir nach dem Härten schon Messer verzogen, bisher am deutlichsten bei RWL 34. Wie geht ihr denn mit verzogenen Messern vor, wenn es wirklich so stark verzogen ist, dass mann es so nicht lassen kann. Vom Richten des Messers hab ich zwar schon mal was gehört, kann mir das aber nicht so genau vorstellen, mit Biegen im Schraubstock war bei einer 4mm RWL Klinge auf jedenfall nichts mehr zu machen, bei einem Almarmesser ist mir das schon gelungen. Wie verzogene Schweißteile gerichtet werden, hab ich schon gesehen, einfach mit dem Hammer auf der richtigen Stelle eins drauf, bei einem feingeschliffenem Messer hinterlässt sowas doch wohl tiefe Macken, die mann nicht so einfach wieder wegbekommt.
Kann mann irgendwie vor dem Härten vorbeugen, dass es garnicht zum Verzug kommt?

Also was für Methoden gibt es da?

Grüße freagle

Guenter
13.08.01, 07:19
Ist bei fertigen Messern mit rostfreien Kingen kaum möglich, wenn diese nicht sowieso zu weich sind. Der Grenzbereich zwischen elastischer Verformung und Rißbildung (=plastischer Bereich)ist so schmal, daß man ihn kaum findet und die Klinge eher abbricht. Bei differential gehärteten Klingen (rostende) ist es gut möglich. Versuchen kann man es, wenn man einen eventuellen Klingenbruch in Kauf nimmt: Im Schraubstock auf der einen Backe zwei kurze Stäbe je nach Klingendicke und Biegung der Klinge im Abstand von 2 bis 5 cm senkrecht anbringen, auf der anderen Backe mittig dazu einen Stab. Die Klinge dazwischen und leicht zudrehen. Stellung merken, Klinge raus und kontrollieren. Solange weiter machen mit minimal stärkerer Spannung, bis die Klinge gerade oder abgebrochen ist.
Bei unfertigen Klingen kann man mit einer meißelförmigen Hammerfinne die Innenseite des Bogens so strecken, daß die Klinge gerade wird, und die Vertiefungen abschleifen.
Am elegantesten geht es, während der Rohling nach dem Härten noch heiß ist. Bei ca. 250 bis runter auf ca. 100°C kann man die Klinge noch ohne große Kraft biegen und richten. Einer der Gründe, weshalb ich jetzt fast ausschließlich bei Markus Balbach härte.
Vermeiden kann man Verzug durch symmetrische Bearbeitung und spannungsfrei glühen vor der Härtung. Eine feinbearbeitete Oberfläche wirkt sich auch positiv aus. Es bleiben aber noch genug Ursachen, die der Messermacher nicht beeinflussen kann, wenn er nicht selbst härtet.

ToBo
13.08.01, 09:09
Ich hatte das Problem mal bei einer Klinge aus D2. Nach Rückfrage bei Dobner (wo ich die Klinge auch härten ließ), bekam ich den Tip, die Klinge entweder mit der Hammerfinne zu strecken oder noch mal zum weichglühen zurückschicken. Die Härtereien sind in der Regel so kullant, daß sie das umsonst machen.
Ich habe mich dann für das weichglühen entschieden (wollte keine Macken auf der Klinge) und die Klinge zu Dobner zurückgeschickt. Nach ca. 2 Wochen kam die Klinge gerichtet:super: und gehärtet zurück. Das Weichglühen und Richten war umsonst und das Härten haben die für einen Sonderpreis gemacht (ca. die Hälfte). Ich muß sagen, daß ich doch sehr possitiv überrascht war, dachte ich doch ich muß die Klinge jetzt mehrmals hin- und herschicken.

Tschüß
Tobias

freagle
13.08.01, 22:34
Hallo Leute,

danke für die Antworten,ich werd das nächste mal die Technik von Günter versuchen, mit dem Schraubstock und den Stäben. Zum Glück kommt Verzug ja nicht so häufig vor. Dass mit dem Vorglühen ist auch ein guter Tip, muss ich mal meinen Härter Borger fragen, ob dass bei ihm möglich ist.

Und Günter muss ich auch mal loben von ihm bekommt mann immer super Tips und er schreibt immer einiges zum Thema, da merkt mann, dass der Mann schon viel Erfahrung hat.

AchimW
14.08.01, 11:52
Also auf der Messe in Solingen habe ich mich mit Richard Hehn über dieses Thema unterhalten. Ich kenne ja seine Toleranzen nicht, aber er sagte, daß von 100 Klingen nur eine nach dem Härten gerade ist und alle anderen gerichtet werden müssen. Die dabei von ihm angewandte Methode ist die, die auch mir bekannt war und die Klingenschmiede schon seit sehr langer Zeit anwenden: die Arbeit mit dem Richthammer. Das ist ein Hammer, der keine flache Bahn, sondern eine längs verlaufende, scharfe und hoch gehärtete Finne besitzt. Die Klinge wird auf eine sehr harte, sehr glatte Unterlage (gehärtete Stahlplatte) gelegt, und zwar so, daß die verbogenen Enden nach oben zeigen. Dann wird mit der Finne die kürzere Seite der Klinge bearbeitet, so daß sich das Material reckt und die Klinge flach wird. Hin und wieder gibt es dabei sicher etwas Ausschuß, aber das ist nun mal so. Von der weiter oben genannten Methode mit den Stäben im Schraubstock kann ich, zumindest bei durchgehärteten Klingen, nur abraten. In aller Regel ist dabei ein Bruch unvermeidbar.
Am besten ist, wie Günther schon gesagt hat, wenn man selbst härtet und in der Abkühlphase nachrichtet. Das geht wirklich gut und ohne Schäden.

Gruß,

Achim

Tobse
14.08.01, 13:27
Wenn die symmetrische Bearbeitung des Stahls die Verzugsgefahr vermindert, ist dann bei den stark asymmetrischen 'chiselgrind'-Klingen grundsätzlich 'Gefahr im Verzug' :D ? Und gibt es Stähle, die mehr zum Verzug neigen als andere ?

Scharf bleiben,
Tobse !

bert
14.08.01, 20:56
Mit chiselgrind Klingen hatte ich nie Probleme mit Verzug.
Ansonsten arbeite ich mit dem Richthammer.
Die Methode von Günter habe ich noch nie ausprobiert, wird aber funktionieren wenn er so sagt. Muß ich mal testen:)

Gruß
bert

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